Startseite arrow Theorien arrow Neoklassik




Neoklassik

Unter Neoklassik versteht man in den Wirtschaftswissenschaften eine Familie von Theorien, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang nahmen und die durch Adam Smith begründete klassische Nationalökonomie (wichtigste Autoren neben Smith: David Ricardo, John Stuart Mill, Karl Marx) ablösten. Die Neoklassik dominierte das ökonomische Denken bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, als der Keynesianismus für einige Jahrzehnte die führende Rolle übernahm.

Annahmen

Die neoklassische Theorie geht von der Rationalität der Wirtschaftssubjekte und in ihren Grundmodellen zusätzlich von homogenen Gütern, vollständiger Information, vollständiger Transparenz, vollständigen Verträgen, dem Fehlen von Transaktionskosten und einem Verhalten der Wirtschaftssubjekte als Mengenanpasser aus.

Für spezielle Fragestellungen wie etwa die Analyse verschiedener Marktformen (Monopole, Oligopole) oder von institutionellen Gegebenheiten wie Verträgen, Privateigentum, Unternehmen, Wahlsystemen und Verfassungen im Rahmen der Neuen Institutionenökonomik werden einige der Zusatzannahmen zum Teil aufgehoben.

Soweit sich die neoklassische Theorie systematisch mit normativen Fragen beschäftigt (Wohlfahrtstheorie), steht das Ziel der Pareto-Optimalität im Vordergrund.

Zentrale Thesen

Von der klassischen Nationalökonomie hob sich die Neoklassik unter anderem durch die verschobene Fragestellung ab:

  • die Neoklassik behauptet, sich als reine Ökonomie von der politischen Ökonomie zu unterscheiden und Fragen der Politik bewusst auszugrenzen.
  • Paradigma der Klassik war die Produktion: Sie fragte nach dem Ursprung, dem Wachstum und der Verteilung des wirtschaftlichen Reichtums unter den gesellschaftlichen Klassen. Paradigma der Neoklassik ist der Tausch (Handel) zwischen rationalen Individuen: Sie fragt nach der optimalen Verteilung (Allokation) gegebener knapper Ressourcen auf verschiedene Verwendungen und Individuen mit festen Interessen und vorgegebener Ausstattung an Gütern und Fähigkeiten, jede Einkommensverteilung ist gerecht, weil ihr die zugrundeliegende Produktivität entspricht.
  • Die Verteilungstheorie folgt der Grenznutzentheorie und nicht der Arbeitswerttheorie.
  • Das Leitbild ist Logik und Mathematik und daher statisch bzw. vergleichend und nicht historisch.
  • der Markt ist stabil und Störungen und Krisen sind nur exogen, der Markt findet danach wieder von sich aus in ein Gleichgewicht (siehe auch Allgemeine Gleichgewichtstheorie).

Die Entstehung der Neoklassik ist engstens mit der so genannten marginalistischen Revolution verbunden: zunächst die Übertragung der marginalen Analyse auf die Nachfrageentscheidungen von Haushalten. Die resultierende Grenznutzentheorie der Konsumnachfrage und des Wertes wurde ungefähr gleichzeitig und unabhängig voneinander um 1870 von William Stanley Jevons in England, Carl Menger in Österreich und Léon Walras in der Schweiz entwickelt. Damit wurde die klassische Wert- und Preistheorie (letztlich eine reine Produktionskostentheorie) durch eine subjektive Werttheorie abgelöst bzw. ergänzt.

Weiteres zentrales Element der Neoklassik ist die Gleichgewichtsanalyse. Ökonomische Analyse wird wesentlich als die Analyse von Märkten im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage verstanden: Sei es (bei Léon Walras) im Sinne eines instantanen allgemeinen Gleichgewichts auf allen Märkten (bestimmt durch die Lösung eines Systems von Gleichungen), oder sei es (bei Alfred Marshall) im Sinne von partiellen Gleichgewichten auf den jeweils betrachteten Märkten in verschiedenen Zeithorizonten (etwa sehr kurzfristig zur Bestimmung von Markpreisen, oder langfristig zur Bestimmung von normalen Preisen).

Zusammengenommen führt die Neoklassik mit Hilfe der Marginalanalyse alles wirtschaftliche Geschehen auf individuelle Optimierungsentscheidungen zurück: Unternehmen maximieren ihren Profit, woraus sich die Faktornachfragekurven und Güterangebotskurven ergeben. Haushalte maximieren ihren Nutzen, woraus sich die Faktorangebotskurven und Konsumgüternachfragekurven ergeben. Auf allen Märkten herrscht ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, wodurch bei geeigneten Annahmen auch die Preise aller Konsumgüter und Produktionsfaktoren bestimmt sind.

Eine Konsequenz aus dieser Kombination von individueller Optimierung und Gleichgewichtsdenken ist die Unmöglichkeit von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und Überproduktion, solange kompetitive Märkte nicht durch staatliche Intervention oder andere Verzerrungen (z.B. von Gewerkschaften erzwungene überhöhte Löhne) in ihrer Funktion behindert werden. Die Neoklassik sieht damit das saysche Theorem immer erfüllt, das allgemeine (gesamtwirtschaftliche) und längerfristigere Ungleichgewichte ausschließt, da sich jedes (gesamtwirtschaftliche) Angebot auch seine Nachfrage schaffe. Im Blick auf den Kapitalmarkt setzt dies voraus, dass über den Zins als Preis des Kapitals auch Sparen und Investition sich im Gleichgewicht befinden.

In der Neoklassik gibt es eine scharfe Trennung zwischen dem realen Sektor einer Wirtschaft, in dem die relativen Preise aller Güter und Produktionsfaktoren, die Produktionsmengen der verschiedenen Konsumgüter und die Verteilung (Allokation) der Produktionsfaktoren auf die Produktion verschiedener Güter bestimmt wird, und dem monetären Sektor, in dem letztlich nur die Geldpreise bestimmt werden, und von dem keine (längerfristigen) Wirkungen auf den realen Sektor ausgehen. Diese realwirtschaftliche "Neutralität" des Geldes findet ihre theoretische Erklärung in der Quantitätstheorie des Geldes.

Mit der Weltwirtschaftskrise geriet die Neoklassik in eine Glaubwürdigkeitskrise, da ihre Hauptströmung weder eine zufriedenstellende Erklärung für eine so schwerwiegende Krise zu geben schien, in der die Selbstheilungskräfte des Marktes offensichtlich versagten, noch auch erfolgversprechende wirtschaftspolitische Empfehlungen nahelegte. Diese Lücken füllten zunächst John Maynard Keynes mit seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes und der darauf aufbauende Keynesianismus, die sowohl eine systematische Erklärung der Möglichkeit von längerfristigen Unterbeschäftigungsgleichgewichten als auch Hinweise auf wirtschaftspolitische Wege aus solchen Krisen versprachen.

Dies bedeutete jedoch keineswegs ein Ende der Neoklassik: Zum einen überlebte neoklassisches Denken in der Mikroökonomie, die man in ihrem Kern als die formal immer vollkommenere Entwicklung und Ausweitung auf neue Fragestellungen der Grundintuitionen der Neoklassik verstehen kann, zum anderen erlebte neoklassisches Denken eine Renaissance auch in der Makroökonomie nachdem in der Folge der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts der Keynesianismus seinerseits in eine Glaubwürdigkeitskrise geriet.

Fazit

Die Neoklassische Theorie bietet sehr einfache mathematische Modelle zur Erklärung der ökonomischen Realität an, nach ihr hätten gerade einfache Modelle häufig einen hohen Erklärungsgehalt. Die Neoklassik ist im akademischen Grundstudium ein bedeutender Baustein zur Vermittlung ökonomischer Ideen.

Ob die Annahmen der Neoklassik in der Realität vorliegen, sollte bei jeder Anwendung solcher mathematischer Modelle erneut überprüft werden.

Für spezielle Fälle ist die Neue Institutionenökonomik eine anerkannte und an die Realität angepasste Erweiterung.

Der Text auf dieser Seite basiert, soweit nicht anders angegeben, auf dem Artikel Neoklassische Theorie aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation.

 
Meistgelesene Artikel
  Copyright by VWLer.de Sitemap Impressum